KANTINE backstage

6. Mai 2009

Jamaika-Taxi

Filed under: Kantine-Stories — Schlagwörter: , , — Marcelus @ 23:58

Reggaestars sind easy. MUTA BARUKA ist ein Reggae-Star und Reggae-Stars sind für gewöhnlich sehr entspannt unterwegs, eigentlich immer “easy”. So hatte ich es immer in Erinnerung. Also, es war einer dieser heißen Tage und es galt unseren Act des Abends vom Hotel abzuholen: MUTA BARUKA. Nichts Ungewöhnliches für mich, den dieser doch recht triviale Job bot vielfach gute Gespräche mit interessanten Stars, wie der Molokosängerin Roisin Murphy, die mich nach kurzem Kennenlernen noch mit auf eine Party entführen wollte und dem Sänger Mike Patton von Faith no More, der es sich nicht nehmen ließ mit mir ein Rennen auf einer Kehrmaschine des Hausmeisters  zu fahren….Der Fahrgast des Abends sollte anders sein.

Guter alter Sierra. Da die Geschichte schon einige Zeit zurückliegt und das einer unserer letzten Konzerte am alten Standort in Köln-Nippes war, muss ich erwähnen, dass wir damals schon einen großen Fuhrpark mit neuen Autos  inklusive eines  Shuttlebus hatten. Doch wie das manchmal so ist, waren gerade an dem Tag alle Autos in semiprivater Nutzung unterwegs. Es blieb mir also nicht anderes übrig als mit dem vorlieb zu nehmen, was gerade auf dem Hof stand. Was dort stand, war allerdings erschütternd anzusehen: ein weißer Ford Sierra Kombi mit vollem Plakatiereimer auf der Ladefläche. Okay, standesgemäß würde ich das nicht gerade nennen, aber zweckmäßig, ist ja auch nur eine kurze Strecke von der Kantine bis zum Hotel am Ring. Beim Einsteigen bemerkte ich jedoch einen beißenden Geruch nach Benzin. “Hölle, was ist das”, dachte ich mir. Auf der gesamten Rücksitzbank war der Reservekanister ausgelaufen, sodass der ganze Wagen eingenebelt war. Egal, ich musste schließlich los und weit und breit war auch kein Kollege zu sehen.

Reggaestars kiffen. Trotz einer Fahrt mit allen Fenstern auf Durchzug, hatte ich das Gefühl leicht benebelt zu sein, was auch nicht weiter schlimm war, den ich war froh nicht weiter über die Scheißkarre nachzudenken, mit der ich da am Hotel vorgefahren kam. Jetzt galt es Haltung zu bewahren, sodass ich relativ seriös am Auto lehnte, um meinen Gast wie ein Chauffeur zu empfangen. “Hi, I am Marcelus from the venue “die Kantine”, welcome to Cologne Mister Baruka”, waren meine begrüßenden Worte, die ich so nett hervorbrachte, dass alleine das schon Misstrauen erwecken musste. Baruka hatte mich angeschaut, sich bedankt, um dann gleich hinterherzuschicken, wo den der Wagen sei. “This is our car Mr. Baruka”, gab ich mit einer ausladenden Handbewegung, die in Richtung Sierra zeigte,  zur Antwort, um den Eindruck zu erwecken, dass unser Sierra so etwas wie der neue Maybach wäre. Nachdem wir beide eingestiegen waren und das getan haben, was man so tut: atmen, verstummte Muta Baruka für eine Weile, um dann zu sagen: “This is the worth car I have ever been driven with!” Schock! Bei mir stellte sich direkt dieses NICHT-OK-GEFÜHL ein. Mit dieser Direktheit hätte nun wirklich niemand gerechnet, aber der Mann hatte irgendwie recht. Vielleicht war es einfach zu verklärt von mir zu denken, dass Jamaika für einen eher unkonventionellen Personentransport steht, so mit 20 Mann auf der Ladefläche, Nutzvieh und der Tagesernte. Dann kam irgendwas mit “disrespect” und ich dachte mir, jetzt ist es vorbei mit jeglicher “easyness”, jetzt mal besser was schneller fahren. Wenigstens hat er sich im Auto keine angesteckt, wegen unseres hochexplosiven Umfelds, denke ich mal.

Rock n Roll. Rock n Roll ist, wenn alle ihr Bestes für die Show gegeben haben und das war diesen Abend der Fall. Am Ende hat Mr. Baruka ein super Konzert  gespielt  und der ganzen Crew “blessings” und “respect” gezollt. Mir hat er noch gesagt: “This Ford is no good man, but you are a nice guy!” Bis zu heutigen Tag frage ich mich, ob Mr. Baruka mich nicht angeschwindelt hat. Also, ich habe auf Jamaika schon richtig üble Karren gesehen. Unser Sierra hat lange ausgedient, ist hoffentlich in die Presse gewandert und nicht nach Jamaika exportiert. Ich würde es echt niemandem wünschen. Wir fahren jetzt immer mit dem modernen Shuttlebus in Hotels und auch schon mal zum Flughafen. Alle sind so zufrieden. Wie langweilig.

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